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Die Universelle Lehre - gewidmet den Menschen wahren guten WillensDie Universelle Lehre - gewidmet den Menschen wahren guten Willens

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Shivasutra

Die Shiva Sutras werden dem Weisen Vasugupta zugeschrieben, der im 8ten Jahrhundert in der Nähe des Mahadeva Berges im Tal des Harvan Flusses in der Nähe von Srinagar lebte.

Nach der Sage empfing Vasugupta die Aphorismen in einem Traumbesuch eines Siddha, eines halbgöttlichen Wesens.

Nach einer anderen Version soll Gott Shiva zu ihm im Traum gekommen sein und ihn angewiesen haben, zu einem bestimmten Felsen(Shankaropala) zu gehen, in dem er die Sutras eingemeißelt finden werde. Die Shiva Sutras werden daher als göttlichen Ursprungs angesehen und nicht als Produkt menschlichen Geistes.
Historisch gesehen gehören sind die Shiva Sutras und die zugehörige Schule des kaschmirischen Shivaismusses Teil zur tantrischen oder agamischen Tradition. Die Tantriker sahen sich als unabhängig vom vedischen Hauptstrom von Gedankengut, Praxis und Regelwerk.


Indisches Bewusstsein und Freiheit nach den Shiva Sutras

Deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Subhash C. Kak ;  Louisiana State University; Baton Rouge, LA 70803-5901, USA Baton Rouge, LA 70803-5901, USA ; Email: kak@ee.lsu.edu
( s.a. :  http://www.shaivam.org/ssshivasuutra.htm //  http://www.shaivam.org/sanskrit/ssshivasuutra.pdf  // http://www.saivism.net/etexts/sivasutras.asp // http://sanskritdocuments.org/doc_shiva/shivasuutra.html )


* Einführung (von Subhash C. Kak)
Die Logik der materialistischen Wissenschaft schlägt fehl, wenn die Beobachter betrachtet werden. Wie kann unbelebte Materie, die durch feste Gesetze bestimmt wird, zum Geist führen ? Bewußtsein als eine getrennte Kategorie wie Raum, Zeit und Materie hereinzubringen, wie vielen Physikern und Neurowissenschaftlern vorgeschlagen, führt zu einem weiteren Paradoxon. Diese Frage wurde sehr mit großer Subtilität in der Vedischen Tradition Indiens überlegt.

Hier betrachten wir einen der späten Klassiker dieser Tradition, der sich mit der Frage des Bewusstseins, der Gesetze und der Freiheit beschäftigt, die zu Recht berühmten Siva Sutras (c . 800 CE).

Unser Wissen über die physische Welt basiert auf empirischen Assoziationen. Diese Assoziationen offenbaren die Gesetze der physischen Welt. Aber wie studieren wir die Natur des Bewusstseins?
Es gibt keine Möglichkeit, das eigene Bewusstsein zu beobachten, weil wir bewusst sind durch die Assoziationen mit der Welt der Phänomene. Die Veden befassen sich genau mit diesem zentralen Frage der Natur des Wissens.
Der Bewusstseinsaspekt der Veden wurde mit großem Nachdruck von Dayananda (1824-1883) und Aurobindo (1872-1950) betont. Es ist mit Direktheit in den Upanishaden zu sehen.
Es ist weniger als ein Jahrhundert her, dass die Theorien der Relativität und Quantenphysik in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Physik rückten.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die vedischen Ideen mit ihrer Betonung der Wahrnehmung eine Quelle anhaltender Inspiration in der modernen Wissenschaft waren.
Wie bekannt, war die Idee des Brahman in den Veden wie in der Erklärung 'prajnana Brahman' die Inspiration bei der Konzeption der Wellenfunktion der Quantenmechanik-Theorie als Summe aller Möglichkeiten (Moore, 1989; Kak, 1995b).

Die moderne Wissenschaft hatte großen Erfolg bei der Erklärung der Natur der physischen Welt. Aber diese Erfolge haben uns nicht dem Geheimnis des Bewusstseins näher gebracht.
In der Anwendung der Quantentheorie auf die Makrowelt und in den neuropsychologischen Untersuchungen des Gehirns kann man die Frage des Beobachters nicht mehr ignorieren (zB. Kak, 1995a, 1995b, 1996a, 1996b, 1996c).
Die Vorstellung, dass der Geist irgendwie aus der Komplexität der Verbindungen im Gehirn hervorgeht, ist zu einfach um ernst genommen zu werden.
Es ist wie Baron Münchhausen, der sich selbst an seinem eigenen Schopf aus dem Moor aus dem Sumpf zieht. Wenn der Geist aus der Materie auftaucht, wie erhält er Autonomie ? Wenn die Welt durch Gesetze regiert wird, wie können wir einen freien Willen haben?
Wenn unsere Autonomie (freier Wille) ein Epiphänomen ist, dann sind wir gehende Schatten?
Sollte man Bewusstsein als den Grund-Stoff der Wirklichkeit ansehen? Wenn dem so ist, was ist dann die Verbindung zwischen Bewusstsein und der physischen Welt?
Dies sind nur einige der Fragen, auf die wir immer wieder in der indischen Tradition stoßen. Gibt es etwas zu lernen aus den Einsichten dieser Tradition?
Die Aphorismen der 'Siva Sutras' sind eine späte Wiederholung der vedischen Auffassung des Bewußtseins.
Nach der Legende sah Vasugupta (c. 800 CE. in Kaschmir) die Aphorismen bzw. Sutras in einem Traum. Die Siva Sutras führten zur Entfaltung der Kaschmir-Schule des Bewusstseins (Kashmir Shivaismus).
Durch die sehr klare Darstellung der Belange hatte der kaschmirische Shivaismus großen Einfluss auf die zeitgenössische Schülerschaft des Shivaismusses.

In diesem Papier stellen wir eine Übersetzung zusammen mit dem Sanskrit-Text der 78 Aphorismen des Shivasutras vor.
(Die Zahl 78 selbst hat eine sehr wichtige Bedeutung im vedischen Wissenssystem wie an anderer Stelle gesehen werden kann (zB. Kak 1994, 1995c)).

Der Kommentar in diesem Papier basiert nicht auf der Kommentar-Tradition des Kashmir-Shivaismusses (Siehe z.B. Jaideva Singh, 1979; Dyczkowski, 1992), um nicht den Leser mit dem ungewohnten Vokabular der Tradition zu belasten.
(Ein weiterer Text von Swami Lakshmanjoo ist die Übersetzung des Siva Sutra Vimarsini, welches 1911 alas erste Ausgabe einer Kashmir Serie von Texten und Studien erschien, die das Research Department des States Kashmir unter der Leitung des Maharaj von Jammu und Kashmir herausgab.)


Ich präsentiere meine Übersetzung sowie meinen Kommentar in möglichst modernen Begriffen.

Das universelle und das individuelle in den Shivasutras
Laut den SS kommt das individuelle Wissen von Vorstellungen und Assoziationen. Aufgrund dessen kann unserer Wissen über die Phänomene nur bezüglich der Verknüpfungen der Außenwelt sein. Aber die Verknüpfungen in sich selbst benötigen etwas was sie zusammenhält.
Dies ist das bindende Problem der Neurowissenschaft zu dem keine einheitliche Lösung innerhalb der üblichen wissenschaftlichen Modelle bekannt ist.(Vgl. 1995a Kak für Einzelheiten).
Die bindende Energie wird Matrika (matrka) genannt. Es ist Matrika, dass es uns möglich macht, Worte zu verstehen oder zusammen aufgereihte Symbole als Sprache. Wegen fehlender Matrika können Computer Sprache oder Bilder nicht verstehen.

Universelles Bewußtsein im Sinne eines Einheitsbewusstseins wird Shiva oder Bhairava genannt.
Shiva macht es möglich, das die materiellen Verbände der physikalischen Welt einen Sinn haben.
Aber die Domäne der Vereinigung von Shiva und der phänomenalen Welt ist rätselhaft und erstaunlich (ss1-12).
Dies ist eine Neuformulierung einer Metapher, die zurück auf den Rigveda geht , wo der Geist gesehen wird wie zwei Vögel auf einem Baum; der eine verzehrt eine süße Frucht und der andere schaut zu, ohne zu essen (RV 1-164-20); der eine Vogel stellt das allgemeine Bewußtsein dar, der andere das Individuelle. Es gibt nur einen Vogel, der andere ist nur das Bild des ersten von der Frucht gestärkten!
Es gibt hier ein Paradoxon, das ungelöst ist. Aber sicherlich ist es das usprüngliche Bewusstsein (Shiva, prakasa, cit) das es möglich macht zu begreifen. In späteren Texten wird die Fähigkeit des Bewusstseins sich selbst zu reflektieren vimarśa (oder spanda) genannt.

Eine weitere Metapher, die anderweitig verwendet wurde, ist die von der 'Sonne des Bewusstseins', die die Verknüpfungen des Geistes erleuchtet. Was diese Beleuchtung erleichtert ist die 'Macht des Willens'.

Angeborenes Wissen wird benutzt um aus dem Geist zu entstehen, der gleichgesetzt wird mit Mantra, das hier nicht als eine Formel genommen wird sondern als die angeborene Fähigkeit zu reflektieren. Mantra führt zu einem Wissen von der Wirklichkeit, das jenseits materieller Assoziationen liegt.
Betrachte es als bedeutungsvolle Schwingung zur Benennung von Zeichenfolgen, die wie Worte spezifische Assoziationen haben. Aber was ist mit der "Bedeutung" der elementaren Töne ? Dies geschieht, wenn man die Barriere zwischen den universellen und dem Individuum öffnet. Das Individuum wird dann in einen Zustand verwandelt, wo Wissen seine Nahrung ist.

Die Loslösung von den eigenen Verknüpfungen(Assoziationen) ist der Schlüssel zur Erkenntnis des Selbstes --- das universelle Wesen. Man soll sich dabei selbst als einen Außenseiter ansehen. Durch die Trennung der Sinne von der Quelle des Bewusstseins man kann das Herz des Selbstes erreichen.

Wir präsentieren hier eine neue (sowie eine freie deutsche) Übersetzung der Siva Sutras mit einem Kommentar.

' rupam rupam pratirupo babhuva tadasya rupam praticaksanaya '
'Er wurde die ursprüngliche Form jeder Form. Es ist diese Form, die überall zu sehen ist.' - Rigveda 6-47-18


* Die 'Siva Sutras' des folgenden Abschnitts stellen meine neue Übersetzung dar. Frühere Übersetzungen existieren z.B. von Jaideva Singh (1979) , Dyczkowski (1992) und Swami Lakshmanjoo(Siva Sutra Vimarsini,2007). Beachten Sie, dass Jaideva Singh 77 Sutras hat, Dyczkowski hat hingegen 79. Der Grund, warum der kanonische Text wahrscheinlich 78 Sutras hatte, ist bei Kak (1994) zu sehen.

* 1 - śāmbhavopāya - Universal consciousness - Universelles Bewusstsein

caitanyamātmā
1-1 Consciousness is the self.
1.1 Das Selbst ist Bewusstsein (siehe 2.5)

jñānam bandhah
1-2 (Ordinary) knowledge consists of associations.
1-2 Wissen besteht aus Assoziationen(Verknüpfungen).

yonivarga kalāśarīram
1-3 Sets of axioms generate structures.
1-3 Gruppen von Axiomen erzeugen Strukturen.

jñānādhisthāna mātrikā
1-4 The ground of knowledge is matrka
1-4 Die Basis des Wissens ist 'matrka'.
[matrka : Mutter aller Schöpfung - Maheshvari (Sanskrit: Māheśvarī) ist die Macht des Gottes Shiva, der auch als Maheshvara bekannt ist.]

udyamo bhairavah
1-5 The upsurge (of consciousness) is Bhairava.
1-5 Die Aufwallung (des Bewusstseins) ist Bhairava [1.]

śakticakrasandhāne viśvasamhārah
1-6 By union with the energy centers one withdraws from the universe.
1.6 Durch die Vereinigung mit den Energiezentren entzieht man sich dem Universum.

jāgratsvapnasusuptabhede turyābhogasambhavah
1-7 Even during waking, sleep, and deep sleep one can experience the fourth state (transcending consciousness)
1-7 Auch im Wachzustand, im Schlaf und im Tiefschlaf kann man den vierten transzendenten Bewusstseinszustand erleben.

jñānam jāgrat
1-8 (Sensory) knowledge is obtained in the waking state.
1-8 (Sensorisches) Wissen wird im Wachzustand erhalten.

svapno vikalpāh
1-9 Dreaming is free ranging of thoughts.
1-9 Träumen ist freies Flüchten von Gedanken.

aviveko māyāsausuptam
1-10 Deep sleep is maya, the irrational.
1-10 Tiefschlaf ist Maya, das Irrationale und Unbewusste.

tritayabhoktā vīreśah
1-11 The experiencer of the three states is the lord of the senses.
1-11 Der Erfahrende der drei Zustände ist der Herr der Sinne.

vismayo yogabhūmikāh
1-12 The domain of the union is an astonishment.
12.01 Die Domäne der Einheit ist das Erstaunen.

icchā śaktirumā kumārī
1-13 The power of the will is the playful uma.
1-13 Die 'Macht des Willens' ist die spielerische Uma(ein Name von Dakshayani)

drśyam śarīram
1-14 The observed has a structure.
1-14 Das beobachtete hat eine Struktur.

hrdaye cittasamghattād drśyasvāpnadarśanam
1-15 By fixing the mind on its core one can comprehend perceivable and emptiness.
1-15 Mit der Fixierung des Geistes auf seinen Kern kann man Wahrnehmbares und Leere begreifen.[s.a.: 2.10]

śuddhatattvasandhānād vā apaśuśaktih
1-16 Or by contemplating the pure principle one is free of the power that binds (to associations).
1-16 oder durch die Betrachtung des reinen Prinzip ist man frei von der Macht die bindet (an Verknüpfungen).

vitarka ātmajñānam
1-17 Right discernment is the knowledge of the self.
1-17 Rechte Einsicht ist die Erkenntnis des Selbstes.

lokānandah samādhisukham
1-18 The bliss of the sight is the joy of samadhi.
1-18 Die Seligkeit der Schau ist die Freude des Samadhi.

śaktisandhāne śarīrotpattih
1-19 The body emerges when the energies unite.
1-19 Der Körper entsteht wenn die Energien sich vereinen.

bhūtasandhāna bhūtaprthaktva viśvasamghattāh
1-20 Elements unite, elements separate, and the universe is gathered.
1-20 Elemente vereinigen sich, Elemente trennen sich, und das Universum ist zusammengetragen.

śuddhavidyodayāccakreśatva siddhih
1-21 Pure knowledge leads to a mastery of the wheel (of energies).
1-21 Reines Wissen führt zu einer Beherrschung des Rades (der Energien).

mahāhradānusandhānānmantravīryānubhavah
1-22 The great lake (of space-time) is experienced through the power of mantra.
1-22 Der große See (der Raum-Zeit) wird durch die Kraft der Mantras erfahren.

*2- śāktopāya - The emergence of innate knowledge - Die Entstehung des angeborenen Wissens

cittah mantrah
2-1 The mind is mantra.
2-1 Der Geist ist Mantra(Schwingung).

prayatnah sādhakah
2-2 Effort leads to attainment.
2-2 Anstrengung führt zur Verwirklichung.

vidyāśarīrasattā mantrarahasyam
2-3 The secret of mantra is the being of the body of knowledge.
2-3 Die Geheimnis des Mantra ist das Wesen des Körpers des Wissens.

garbhe cittavikāso'viśista vidyāsvapnah
2-4 The emergence of the mind in the womb is the forgetting of common knowledge.
2-4 Die Entstehung des Geistes in der Gebärmutter ist das Vergessen des allgemeinen Wissens.

vidyāsamutthāne svābhāvike khecarī śivāvasthā
2-5 When the knowledge of one's self arises one moves in the sky of consciousness---the Shiva's state.
2-5 wenn das Wissen von sich selbst entsteht, bewegt man sich in dem Himmel des Bewusstseins --- der Shiva - Zustand.

gururupāyah
2-6 The guru is the means.
2-6 Der Guru ist das Mittel.

mātrkācakrasambodhah
2-7 The awakening of the wheel of matrka (the elemental energies).
2-7 Die Erweckung des Rades der matrka (die elementaren Energien).

śarīram havih
2-8 The body is the oblation.
2-8 Der Körper ist die Opfergabe.

jñānam annam
2-9 The food is knowledge.
2-9 Die Nahrung ist das Wissen.

vidyāsamhāre taduttha svapna darśanam
2-10 With the extinction of knowledge emerges the vision of emptiness
2-10 Mit dem Erlöschen des Wissens entsteht die Vision von Leere

* 3 ānavopāya - The transformations of the individual - Die Transformationen des Individuums

ātmā cittam
3-1 The mind is the self.
3-1 Die Geist ist das Selbst.

jñānam bandhah
3-2 (Material) knowledge is bondage (association).
3-2 (Materielles) Wissen verursacht Gebundenheit.

kalādīnām tattvānām aviveko māyā
3-3 Maya is the lack of discernment of the principles of transformation.
3-3 Maya ist der Mangel an Einsicht in die Prinzipien der Transformation.

śarīre samhārah kalānām
3-4 The transformation is stopped in the body.
3-4 Die Transformation wird im Körper gestoppt.

nādī samhāra bhūtajaya bhūtakaivalya bhūtappthaktvāni
3-5 The quieting of the vital channels, the mastery of the elements, the withdrawal from the elements, and the separation of Elemente
3-5 Das Beruhigen der vitalen Kanäle, die Beherrschung der Elemente, der Rückzug aus den Elementen und die Trennung der Elemente.

mohāvaranāt siddhih
3-6 Perfection is through the veil of delusion.
3-6 Perfektion geht durch den Schleier der Verblendung.

mohajayād anantābhogāt sahajavidyājayah
3-7 Overcoming delusion and by boundless extension innate knowledge is achieved.
3-7 Überwindung von Verblendung und grenzenlose Erweiterung angeborenen Wissens ist erreicht.

jāgrad dvitīyakarah
3-8 Waking is the second ray (of consciousness).
3-8 Wachen ist der zweite Strahl (des Bewusstseins).

nartaka ātmā
3-9 The self is the actor.
3-9 Das Selbst ist der Schauspieler.

ango'ntarātmā
3-10 The inner self is the stage.
3-10 Das innere Selbst ist die Bühne.

prekśakānīndriyāni
3-11 The senses are the spectators.
3-11 Die Sinne sind die Zuschauer.

dhīvaśāt sattvasiddhih
3-12 The pure state is achieved by the power of the intellect.
3-12 Der reine Zustand wird durch die Macht des Intellekts erreicht.

siddhah svatantrabhāvah
3-13 Freedom (creativity) is achieved.
3-13 Freiheit (Kreativität) wird erreicht.

yathā tatra tathānyatra
3-14 As here so elsewhere.
3-14 Wie hier so anderswo.

visargasvābhāvyād abahih sthitestatsthitih
3-15 Emission (of consciousness) is the way of nature and so what is not external is seen as external.
3-15 Emission (von Bewusstsein) ist der Weg der Natur und so wird was ist nicht äußerlich ist als äußerlich gesehen.

bījāvadhānam
3-16 Attention to the seed.
3-16 Achtung auf den Samen.

āsanasthah sukham hrade nimajjati
3-17 Seated one sinks effortlessly into the lake (of consciousness).
3-17 Sitzend versinkt man anstrengungslos in den See (des Bewusstseins).

svamātrā nirmānam āpādayati
3-18 The measure of consciousness fashions the world.
3-18 Der Maßstab des Bewusstseins gestaltet die Welt.

vidyā avināśe janma vināśah
3-19 As (limited) knowledge is transcended, birth is transcended.
3-19 Da (begrenztes) Wissen überwunden ist, ist die Geburt transzendiert.

kavargādisu māheśvaryādyāh paśumātarah
3-20 Maheshvari and other mothers (sources) of beings reside in the sound elements.
3-20 Maheshvari und andere Mütter (Quellen) von Wesen residieren in Schwingungs-Elementen.

trisu caturtham tailavadāsecyam
3-21 The fourth (state of consciousness) should be used to oil the (other) three (states of consciousness).
3-21 Der vierte (Zustand des Bewusstseins) sollte verwendet werden Öl der (anderen) drei (Zustände des Bewusstseins).

magnah svacittena praviśet
3-22 Absorbed (in his nature), one must penetrate (the phonemes) with one's mind.
3-22 Absorbiert (in seiner Natur), muss man (die Phoneme, die Laute) mit dem Verstand durchdringen.

prāna samācāre samadarśanam
3-23 The lower plane arises in the center (of the phoneme).
3-23 Die untere Ebene ersteht in der Mitte (des Phonems).

madhye'vara prasavah
3-24 A balanced breathing leads to a balanced vision.
3-24 Eine ausgewogene Atmung führt zu einer ausgewogenen Sicht.

mātrāsvapratyaya sandhāne nastasya punarutthānam
3-25 What was destroyed rises again by the joining of perceptions with the objects of experience.
3-25 Was zerstört wurde steigt wieder durch Vereinigung der Wahrnehmungen mit den Objekten der Erfahrung.

śivatulyo jāyate
3-26 He becomes like Shiva.
3-26 Er wird wie Shiva.

śarīravrttirvratam
3-27 The activity of the body is the vow.
3-27 Die Aktivität des Körpers ist das Gelübde.

kathā japah
3-28 The recitation of the mantras is the discourse.
3-28 Die Rezitation des Mantras ist die Rede.

dānam ātmajñānam
3-29 Self-knowledge is the boon.
3-29 Selbsterkenntnis ist der Segen.

yo'vipastho jñāhetuśca
3-30 He who is established is the means and knowledge.
3-30 Er der etabliert ist, ist das Mittel und das Wissen.

svaśakti pracayo'sya viśvam
3-31 The universe is the aggregate of his powers.
3-31 Das Universum ist die Anhäufung seiner Kräfte.

stithilayau
3-32 Persistence and absorption.
3-32 Persistenz und Absorption.

tat pravrttāvapyanirāsah samvettrbhāvāt
3-33 Even when this (maintenance and dissolution) there is no break (in awareness) due to the perceiving subjectivity.
3-33 Trotz dieser (Aufrechterhaltung und Auflösung) gibt es keine Unterbrechung (im Bewusstsein) aufgrund der Wahrnehmung Subjektivität.

sukha duhkhayorbahirmananam
3-34 The feeling of pleasure and pain is external.
3-34 Das Gefühl von Lust und Schmerz ist äusserlich.

tadvimuktastu kevalī
3-35 The one who is free of that is alone (with consciousness).
3-35 Derjenige, der frei davon ist, ist allein (mit Bewußtsein).

mohapratisamhatastu karmātmā
3-36 A mass of delusion the mind is subject to activity.
3-36 Eine Masse von Verblendung des Geistes unterliegt einer Aktivität.

bheda tiraskāre sargāntara karmatvam
3-37 When separateness is gone, action can lead to creation.
3-37 Wenn Getrenntheit verschwunden ist, kann Handlung zur Schöpfung führen.

karanaśaktih svato'nubhavāt
3-38 The power to create is based on one's own experience.
3-38 Die Macht zu schaffen basiert auf eigenen Erfahrungen.

tripadādyanuprānanam
3-39 That which precedes the three (states of consciousness) vitalizes them.
3-39 Das, was den drei (Zuständen des Bewusstseins) vorangeht, vitalisiert sie.

cittasthitivat śarīra karana bāhyesu
3-40 The same stability of mind (should permeate) the body, senses and external world.
3-40 Die gleiche Stabilität des Geistes (sollte Permeat) des Körpers, Sinne und Außenwelt.

abhilāsādbahirgatih samvāhyasya
3-41 Craving leads to the extroversion of the inner process.
3-41 Begierde führt zur Ausstülpung des inneren Prozesses.

tadārūdhapramitestatkśayājjīvasamkśayah
3-42 When established in pure awareness, (the craving) is destroyed and the (empirical) individual ceases to exist.
3-42 Durch das feste Fundament des reinen Bewusstseins (der Begierde) ist zerstört und das individuelle hört auf zu existieren.

bhūtakañcukī tadā vimukto bhūyah patisamah parah
3-43 Although cloaked in the elements one is not free, but, like the lord, one is supreme.
3-43 Obwohl in die Elemente gehüllt ist man nicht frei, sondern ist wie der Herr, der Höchste.

naisargikah prānasambandhah
3-44 The link with the vital breath is natural.
3-44 Die Verbindung mit dem vitalen Atem ist natürlich.

nāsikāntarmadhya samyamāt kimatra savyāpasavya sausumnesu
3-45 Concentrating on the center within the nose, what use are the left and the right channels or susumna?
3-45 Konzentration auf das Zentrum in der Nase, was nützen die linken und rechten Kanäle(ida, pingala) oder susumna ?

bhūyah syāt pratimīlanam
3-46 May (the individual) merge (in the lord) once again.
3-46 Möge (das Individuum) wieder (mit Gott ) verschmelzen.


* Abschließende Bemerkungen (von Subhash C. Kak)
Diese kurze Papier ist nur eine Einführung für die kognitiven Wissenschaftler in die Reichtümer der Kaschmir - Schule des Bewusstseins. Die Inhalte der SS sind sehr kryptisch und man mag nicht überzeugt sein, dass sie einen Fortschritt gegenüber der alten Upanischadischen Tradition darstellen. Aber später Texte sprechen von wichtigen Details im Prozess des Erkennens. Die Struktur der Kaschmir-Schule des Bewusstseins geht über die Kategorien von Sankhya hinaus.
Ich hoffe, dass andere weitere Klassiker dieser Tradition prüfen werden (eg . Abhinavagupta, 1987, 1989; Dyczkowski, 1987) und für sich selbst sehen werden , ob sie irgendwelche Lehren für die zeitgenössische Wissenschaft verbergen. Weitere Verbindungen zwischen moderner Wissenschaft und dieser Tradition sind in Kak (1992/4) dargestellt.

Die Sanskritforscher, die an indischen Theorien des Bewusstseins gearbeitet haben, haben die wichtigsten Erkenntnisse der modernen Physik bezüglich des Prozesses der Beobachtung ignoriert. Das Argument, man müsse nicht die modernen Einsichten kennen, da sie nicht bekannt waren als die alten Texte geschrieben wurden, ist schlicht falsch. Schrödingers Nutzung vedischer Erkenntnisse ist Zeugnis für die Tatsache, dass die von den alten Denkern benutzten Metaphern ganzheitlich waren und ähnlich jenen der modernen Physik. Aber müssen wir über das hinausgehen? Könnte der Prozess der Meditation über die Natur des Bewusstseins zu Erkenntnissen jenseits der Grenzen unseres momentanen Verständnisses der Natur der Wirklichkeit geführt haben?

Der Kashmir-Shivaismus beschäftigt sich mit Konzepten, die auch einen Einfluss auf Kashmir haben und Fragen wie: Wie entstehen die Sinne bei der Entstehung des Geistes? Könnte es mehr Sinne geben, als wir besitzen? Die ganze Mythologie des Shiva (zB. Kramrisch, 1981) ist eine Nacherzählung der erstaunlichen Erkenntnisse der Wissenschaft des Bewusstseins.


Referenzen :